Einmal im Jahr riecht der Dorfplatz nicht wie sonst. Heute Nacht riecht es nach Kohle, frittiertem Teig, hundert verschiedenen Gesprächen, vermischt in derselben lauwarmen Luft. Das Sommerfest kommt nur einmal, und ganz Seabreeze Bay merkt es schon in den Pfoten, bevor es überhaupt ankommt: Man geht anders, schneller, die Ohren schon auf die Musik gerichtet, die man drei Straßen vorher hört.
Wir kamen an, als der Himmel noch nicht ganz entschieden hatte, ob es Tag oder schon ganz Nacht war, diese halbe Stunde, in der die Lichter der Stände schon brennen, aber noch mit dem verbleibenden Tageslicht konkurrieren. Als die Sonne endgültig untergegangen war, leuchtete der ganze Platz anders: bunte Laternen, die Bühne, auf der jemand eine Gitarre stimmte, und Reihen von Holzständen mit Essen, das jeden Hund im Dorf ein bisschen den Verstand verlieren lässt.

Unter all den Ständen gibt es einen, dem sich Rocco nicht nähern darf. Den Würstchenstand. Und das nicht, weil ihm das nie jemand erklärt hätte — das ganze Dorf kennt die Geschichte, sie wird jeden Sommer erzählt, als wäre sie neu.
Es war vor zwei Festen. Rocco hatte damals halb so viel gesunden Menschenverstand wie jetzt, was schon wenig genug ist, und entschied, dass die Wurstkette, die vom Tresen hing, im Grunde ein Geschenk des Schicksals war, genau auf seiner Höhe platziert. Er sprang, schnappte sie sich komplett, warf den Serviettenkübel um, zwei Stühle und einen Herrn mit einem Teller Pommes, und rannte davon, mit einem halben Dutzend Würstchen, die wie eine Kriegstrophäe aus seinem Maul hingen. Seitdem erkennt ihn der Standbesitzer schon von Weitem und schüttelt den Kopf, bevor Rocco überhaupt auf zehn Meter herankommt.
Dieses Jahr hielt Rocco Abstand. Er saß neben der Bühne, mit dem Gesicht von jemandem, der vorgibt, sich nicht für das zu interessieren, was fünfzehn Meter weiter passiert, während ihn der Geruch von gegrillten Würstchen trotzdem erreichte, denn die Nase versteht nichts von Strafen.

Max bemerkte es als Erster. Es ist immer Max. Er ging zum Tresen, machte sein wirkungsvollstes Welpengesicht — das, das er sich für wichtige Anlässe aufhebt —, bekam ein ganzes Würstchen geschenkt, und anstatt es gleich dort zu essen, trug er es quer über den ganzen Platz im Maul zu Rocco, der dasaß und so tat, als würde er auf nichts warten.

Sie sagten nichts. Es war nicht nötig. Rocco aß das Würstchen in zwei Bissen, und zum ersten Mal seit zwei Festen hörte er auf, mit diesem halb entschuldigenden Gesicht zum Tresen zu schauen.
Der Standbesitzer sah alles aus der Ferne. Er sagte auch nichts. Aber als wir schon gingen, am Ende des Abends, ließ er — wie beiläufig — ein ganzes Würstchen zu Boden fallen, in der Nähe von Rocco, und schaute weg, bevor ihm jemand danken konnte.
Manche Dinge in diesem Dorf werden langsam vergeben, mit Würstchen, die aus Versehen zu Boden fallen, ohne dass jemand laut aussprechen müsste, dass schon vergeben ist.
— Linda 🐾
🐾 Am Samstag erzählt Max: was er in den höchsten Ästen der Uralten Eiche entdeckt, als er sich ihr zum ersten Mal nachts nähert.